Leseprobe
Max Lingner

Gurs. Bericht und Aufruf
Zeichnungen aus einem französischen Internierungslager 1941

Herausgegeben von Gerhard Strauss im Auftrag der Akademie der Künste der DDR
mit einem Essay von Gerhard Strauss
Wir bieten Ihnen Restexemplare
dieser bibliophilen Seltenheit
neuwertig ab Lager
zu einen
Sonderpreis
von 50,00 Euro
zzgl. Versand an.


Dietz Verlag Berlin (DDR) 1982
37 S. mit den Reproduktionen der Zeichnungen, als Buchblock gebunden, Buch im Schuber, Großes Querformat (38 x 24 cm), Einmalige Ausgabe in 1300 nummerierten Exemplaren, neu ab Lager.

Im Dietz Verlag Berlin erschienen 1200 Exemplare mit den Nummern 1 bis 1200 sowie die Künstler- und Verlegerexemplare I bis L.
Im Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main, erschienen 100 Exemplare mit den Nummern 1201 bis 1300

Max Lingner mußte in Gurs für seine Arbeiten die verschiedensten Papiere benutzen, unter anderem Tapeten-, Pack- und Seidenpapier. Die getreue Wiedergabe auch der Rückseiten der Blätter soll einen Eindruck von der Beschaffenheit dieser Materialien vermitteln.

 

Aus dem Essay von Gerhard Strauss

"Gurs, eine seltsame Silbe - wie ein Schluchzen, das in der Kehle steckenbleibt!"
Diese Zeile schrieb einst Louis Aragon, französischer Schriftsteller und Kommunist. Die durch ihn beschworene Vorstellung von einem jäh unterbrochenen Schluchzen wird noch zwingender, wenn man Gurs als "Gürß" ausspricht, wie die Franzosen es tun. Die Haltung von Louis Aragon ... läßt vermuten, daß er bei diesem Satz wohl bedacht hat, daß nicht nur übergroßer Schmerz und äußerer Terror ein Schluchzen in der Kehle zu ersticken vermögen, sondern daß es sich selbst wandeln kann zu einem "Nun gerade!", zu Lebenswillen und Kampfentschlossenheit.
In diesem dreifachen Sinne zeugen auch die Zeichnungen Max Lingners aus Gurs vom dortigen Leben, nein, vom dortigen Dasein, denn das Wort "Leben" würde die grausamen Bedingungen verschleiern, unter denen Menschen in Gurs existieren mußten. Allerdings hatten die sechs Blätter, die Max Lingner zu einem Zyklus vereinte, gerade von diesen Bedingungen zu berichten, denn sie sollten ja ausrufen "au secours de Gurs!" (Zur Hilfe für Gurs!), wie auf dem Titelblatt vermerkt ist.

Max Lingner war - infolge seiner langjährigen Mitarbeit an kommunistischen Zeitungen - schon einen Tag vor Frankreichs Kriegserklärung an Hitler in Paris verhaftet worden als "dangereux agitateur communste international". Man hat ihn kreuz und quer durch mehrere Lager südlich der Seine geschleppt. Als er Ende des Jahres 1940 nach Gurs kam, waren Interbrigadisten kaum mehr dort, .... . Die Bedingungen im Lager hatten sich aber kaum verändert ... . Da die französische KP Max Lingner geraten hatte, sich konsequent als Franzose auszugeben, kam er in die Baracke mit französischen Leidensgefährten. Dadurch entging er den Fahndungen der SS und ihrer französischen Helfershelfer nach emigirierten deutschen Antifaschisten. Daß er sich trotz zunehmender gesundheitlicher Behinderung sofort aktiv in das Lagerdasein eingeschaltet hat, beweisen auch seine Zeichnungen aus Gurs.

 

aus G. Heider: »Max Lingner in Gurs«, Jüdische Korrespondenz, Berlin, 1/2004

Gurs war ein großes Barackenlager, 1939 angelegt für Flüchtlinge nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs, die dort interniert wurden. Nach dem deutschen Überfall im Mai 1940 wurden Tausende der aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern nach Frankreich Geflüchteten von der französischen Regierung zu »Unerwünschten« erklärt und in den südfranzösischen Lagern interniert. Die Bedingungen im Lager waren unerträglich. Um die Not zu lindern, besonders den Kindern zu helfen, wurden die Schweizerhilfe, die Quäker, verschiedene jüdische und französische Hilfsorganisationen im Lager tätig. Eine Baracke diente zugleich als Schulzimmer, wo Internierte die Kinder unterrichteten und wo auch musiziert und gezeichnet wurde. Einer der Zeichenlehrer war Max Lingner und hier entstanden Kinderzeichnungen, ebenso auch seine Blattfolgen. Er vervielfältigte sie, indem er die Blätter mehrfach zeichnete, aufklebte, zu Alben zusammenheftete und mit Titelbildern versah, damit sie, von den Helferinnen aus dem Lager geschleust, als Gegenwert für Milchpulver dienen und zur »Hilfe für Gurs« aufrufen konnten.